Helmut Stiehl ehemaliger Ratsschreiber der Stadt Tengen

Kleine und große Geschichten rund um oder im Schloss Blumenfeld. Interviews mit Zeitzeugen, Kindern und Menschen, die heute hier Leben.

Sie haben auch eine Geschichte zum Schloss Blumenfeld zu erzählen?
Dann schreiben Sie uns gern! Wir freuen uns.

Ein Projekt des Summer of Pioneers 2021. Beteiligte: Katja Leyendecker und Kerstin Müller

Helmut-Stiehl

Ein Interview mit Helmut Stiehl über 5000 Freiwilligenstunden

Kerstin
Helmut Stiehl war lange Ratschreiber und ist in Blumenfeld geboren. Er ist Jahrgang 1939 und kennt so ziemlich jede Geschichte aus dem Schloss. Und ist bereit sie mit mir – mit dir, mit uns – zu teilen. Herzlich Willkommen, Helmut Stiehl!

Wir sitzen in dem Schloss-Raum wo früher die Verwaltung war vom Zweckverband, der hier das Altersheim geleitet hat. Der Herr Stiehl sitzt mir gegenüber mit seinen Unterlagen. Herr Stiehl, erstmal vielen Dank, dass Sie mit mir sprechen. Sie waren damals da, als der Landrat Dr. Maus 1975 auf dem Schätzle-Markt einen Aufruf zur Freilwilligenaktion gemacht hat – er hat die Tengener und Blumenfelder aufgerufen, das Schloss zu retten, das in einem fürchterlich maroden Zustand war.

Die Folge war dann, dass über 5000 freiwillige und unentgeltliche Stunden abgeleistet wurden von den Tengenern und Blumenfeldern, um das Schloss zu retten. Sie waren damals dabei! Erzählen Sie bitte mal wie das war!

Helmut Stiehl
Jawohl. Die Resonanz war sehr groß. Also es haben sich echt viele gemeldet. Man ist zusammen in den Wald nach Tengen gefahren. Dort wurden die Stangen geschlagen. Das heisst, die Stangen wurden benötigt, um das ganze Schloss einzurüsten.

Ja, im Wald waren auch einmal die Feuerwehr, die Feuerwehrleute waren vertreten. Dann Holzmacher waren vertreten, um die Stangen zu schlagen. Um die Stangen zu entasten hat die Firma Otto Jägele von Schlatt am Randen ein Entastungsgerät zur Verfügung gestellt. Dieses Gerät wird normalerweise so benutzt: entweder werden die Stangen mit den Traktoren durchgezogen, oder mit Pferden. Da aber genügend Leute da waren, haben die Anwesenden die ganzen Stangen durch das Entastunggerät hindurchgezogen.

Kerstin
Und wie war das? Wer hat da so geholfen? Also über wieviel Leute reden wir da circa. Muss nicht genau sein. Tengener und Blumenfelder?

Helmut Stiehl
Tengener, Blumenfelder, von den ganzen Ortschaften waren da vertreten. Das waren mit Sicherheit so 30-40 Personen.

Kerstin
Und diese 30-40 Personen… die Rettungsaktion ging ja fast zwei Jahre, 1976 bis 1978. Und was wurde hier hauptsächlich gemacht? Dazu muss ich sagen, wenn Ihr jetzt alle auf die Website schaut: auf der Schlossgeschichtenseite sieht man den Herrn Stiehl in dem Schwarzweißfoto, wie er in die Kamera lacht. Wie er auf dem Dach vom Schloss Blumenfeld steht. Denn er war maßgeblich auch dran beteiligt, dieses Schloss hier mitzuretten.

Also zwei Jahre ging diese Rettungsaktion?

Helmut Stiehl
Also, als allererstes musste ja das ganze eingerüstet werden. Dann kamen die Dachplatten runter. Es war mit Biberschwanzziegel eingelegt, mit Schindeln noch! Einfachdeckung. Das musste ja alles runter, die Dachlatten mussten runter.

Kerstin
Das heisst, man hat sich hauptsächlich um das Dach gekümmert?

Helmut Stiehl
Als erstes hat man sich um das Dach gekümmert. Es war ja kein First drauf. Sondern das Dach war eben marode und musste neu gelattet werden. Es mussten dann wieder Ziegel beschafft werden. Und zwar wurde die Aktion gestartet – und im Mitteilungsblatt bekannt gegeben – das man Ziegel benötigt. Nun wurde von Ortschaften ringsherum und von Blumenfeld, Tengen, benachrichtigt, dass sie Ziegel hätten. Man könnte dort Ziegel holen von alten Gebäuden. So wurden die Ziegel beschafft und zum Schloss gebracht. Ziegel die noch gut waren, alles von Hand gestrichene Biberschwanzziegel.

Kerstin
Das heisst, das waren haupsächlich auch Spenden, die hier eingeflossen sind? Oder wie hat man das ganze überhaupt finanziert? Bei aller Freilwilligenarbeit, da hat es ja auch was gekostet? Oder waren das alles spendenfinanzierte Sachen?

Helmut Stiehl
Das weiß ich nicht.

Kerstin
Macht nichts.

Helmut Stiehl
Das steht in den Akten drin. Mit dem Geld hatte ich nichts zu tun gehabt.

Kerstin
Es waren Freiwillige. Waren das Privatleute, die mitgeholfen haben. Oder war das die Feuerwehr und das DHW (Deutsche Hilfswerk)? Konnte da jeder mitmachen?

Helmut Stiehl
Da konnte jeder mitmachen! Sie ẃaren also bunt gemischt von sämtlichen Ortschaften.

Kerstin
Wahnsinn! Ich finde das ja schon erstaunlich. So viele Stunden und so viele Menschen! Dass das Schloss den Menschen so wichtig war. Was glauben Sie, warum die Leute das gemacht haben? Man hätte auch sagen können, was interessiert uns das Schloss. Das scheint ja schon wichtig gewesen zu sein.

Helmut Stiehl
Ja, das war schon so. Es ist ein Wahrzeichen, das Schloss Blumenfeld. Auch durch den Zweckverband, Krankenhaus und Altersheim. Das waren zwölf Gemeinden, also umliegende Gemeinden, die dazugehörten. Und es waren auch Arbeitsstellen. Wir hatten schon Interesse, dass das Schloss wieder erhalten bleibt.

Kerstin
Also kurz zur Erklärung. Dieser Zweckverband war hier 130 Jahre lang… 1876 war die Gründung.
Genau, das hat eine lange Tradition. Und das heisst, es war den Blumenfeldern einfach auch wahnsinnig wichtig, dieses Schloss zu erhalten, weil eben, wie Sie sagten, Arbeitsplätze dranhingen. Und natürlich, dass es ein Wahrzeichen war. Für die Geschichte des Schlosses gibt es auch eine Extrafolge.

Wir reden heute nur mal über die Freilwilligenaktion, wo der Herr Stiehl sehr maßgeblich dran beteiligt war. Sie haben mir erzählt, dass Sie auch die ganzen Listen geführt haben. Die liegen glaube ich noch im Archiv im Rathaus. Auf diesen Listen waren alle Freilwilligen vermerkt.

Helmut Stiehl
Genau. Die Listen habe ich geführt von sämtlichen Arbeitsleitungen, freiwillige Arbeitsleistungen. Als diese dann beendigt waren, habe ich die Liste dem Herrn Bürgermeister Groß überreicht.

Kerstin
Der war bis 2015 der Bürgermeister. Sagen Sie, neben dem Dach, was wurde in den zwei Jahren noch alles gemacht? Also das wichtigste war natürlich das Dach, damit es nicht reinregnet und das überhaupt erstmal alles erhalten bleibt.

Helmut Stiehl
Also es war schon eine enorme Arbeit! Dies alles zu bewerkstelligen. Vor allen Dingen, es ist so: Das Dach war, wie eingangs erwähnt, einfach gedeckt. Das heisst also, einfache Dachdeckung mit alten Biberschwanzziegeln, mit Schindeln. Und die neue Version: wo es neu gemacht wurde, wurde doppelt gedeckt.

Und nach dieser Freilwilligenaktion gab es auch Fördergelder und dann konnten tatsächlich ja zusätzliche Altenheim-Pflegeplätze gefördert werden. Da wurden dann diese Laubengänge auch gebaut.

Da wurden die alten Gebäude abgerissen. Das alte Gebäude war ein einstöckiges Gebäude. Wo die Küche drin war. Und das Refektorium der Schwestern, wo das Personal gegessen hat. Das wurde abgerissen. Dann wurde dieser Neubau gebaut im mittelalterlichen Stil.

Kerstin
Warum hat man das abgerissen? Weil das nicht mehr zeitgemäß war? Oder weil man mehr Platz brauchte?

Helmut Stiehl
Ja eigentlich schon weil es veraltet war. Und weil man auch Platz brauchte. Richtig, ja.

Und 42 zusätzliche Altenheimplätze zudem was hier drumherum erstanden ist, ist ja auch schon eine ganze Menge. Die Verwaltung ist dann aber raus aus dem Schloss.

Da wurde das Verwaltungsgebäude neu gebaut zwischen dem Schloss und dem Gebäude St. Wendel. Und die Verwaltung war dann da drin. Bis zur Aufgabe jetzt.

Kerstin
Bis 2016. Genau. Ich glaube 31 März 2017 wurde das dann hier komplett aufgelöst.

Diese Freilwilligenstunden, wie muss man sich das vorstellen? Die waren dann am Wochenende oder nach Feierabend?

Helmut Stiehl
Die waren am Feierabend und am Wochenende – hauptsächlich an Wochenenden. Hauptsächlich an den Samstagen.

Kerstin
Ich find das ja schon unglaublich, dass man das macht. Über einen so langen Zeitraum seine ganze Freizeit hier reinsteckt. Das war ja dann auch so, oder?

Helmut Stiehl
Ja, das ist richtig.

Kerstin
Wahnsinn. Unglaublich. Ja, Mensch! Tolle Geschichte. Und von dem Herrn Stiehl werden wir sicherlich noch viele Geschichten hören. Denn er hat mir ganz viele Sachen mitgebracht, wo es noch ganz viele Geschichten gibt. Was ich zum Beispiel gerade erfahren habe, dass hier auch sein Vater gebacken hat. Unten am Stadttor vom Blumenfeld ist Herr Stiehl geboren wurden, und war bis 2020 auch in der Bibermühle tätig. Und ich freu mich schon auf unser nächstes Gespräch!

Vielen Dank, Herr Stiehl.

Helmut Stiehl
Bitte sehr!

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